Zielsetzungen

Zielsetzung 1: Die Identifizierung abweichender Verhaltensweisen, die bei häufig vorkommenden psychiatrischen Erkrankungen auftreten

Um die Grundlagen von neuropsychiatrischen Erkrankungen zu verstehen, ist es wichtig, dass wir uns von der einfachen Krankheitsklassifikation lösen und uns mehr den intermediären Phänotypen, also messbaren Markern auf der Verhaltensebene, der psychologischen Ebene und der biologischen Ebene, die klinischen Diagnosen vorausgehen, zuwenden.

Besonders relevant sind individuelle Unterschiede in psychologischen Eigenschaften, die bei häufig vorkommenden psychiatrischen Erkrankungen wie Abhängigkeitserkrankungen, Angststörungen, Hyperaktivitätsstörungen, Schizophrenien, Autismusspektrumstörungen und Persönlichkeitsstörungen auftreten. In IMAGEN werden diesbezüglich die Eigenschaften Impulsivität, Empfänglichkeit für Belohnung und Bestrafung sowie emotionale Reaktivität genauer untersucht.

Zielsetzung 2: Längsschnittstudie zur Feststellung der Vorhersagekraft von psychologischen und biologischen Merkmalen

Da viele der häufig vorkommenden psychiatrischen Erkrankungen ihren Beginn im frühen Erwachsenenalter haben, liegt es nahe, dass Unterschiede in psychologischen und/ oder biologischen Prozessen während der Adoleszenz eine ursächliche oder beeinflussende Rolle in deren Entstehung spielen. Das Jugendalter stellt eine einzigartige und zugleich höchst empfindliche Zeit dar, in der viele Verhaltens- und Gehirnreifungsprozesse stattfinden.

Längsschnittstudien wie IMAGEN, die Jugendliche über einen langen Zeitraum hinweg begleiten (Untersuchungen im Alter von 14, 16, 19 und 22 Jahren) sind notwendig, um Kausalzusammenhänge zwischen biologischen und psychologischen Merkmalen zu finden, die bereits vor dem Auftreten klinisch relevanter Symptome vorliegen.

Zielsetzung 3: Genetische Studien zum Verständnis von Impulsivität, Empfänglichkeit für Belohnung und Bestrafung und emotionaler Reaktivität

Neueste technologische Fortschritte erlauben die gleichzeitige Analyse von nahezu einer Million Genen (genome-wide analysis). Zusätzlich zu diesem Ansatz erlaubt die Technologie, die Identifikation natürlich vorkommender genetischer Variationen, sogenannten Einzelnukleotid-Polymorphismen (SNP, single nucleotid polymorphisms), Variationen im Ein- und Ausschalten von Genen (Epigenetik) und Variationen im funktionalen Produkt eines Gens (Genexpression).

Die große Anzahl von Versuchspersonen in der IMAGEN-Studie wird es Forschern ermöglichen, diese genetischen Variationen mit psychologischen Merkmalen in Verbindung zu setzen, welche im Zusammenhang mit psychischen Störungen stehen. Beispiele für solche Merkmale sind Impulsivität, Empfänglichkeit für Belohnung und Bestrafung und emotionale Reaktivität.

Zielsetzung 4: Bildgebende Verfahren zum Verständnis von psychologischen Merkmalen im Zusammenhang mit psychischen Störungen

Bei den Jugendlichen wurden in der Baseline-Erhebung und in einer Nachfolgeuntersuchung Aufnahmen von Hirnstruktur und –funktion während der Bearbeitung unterschiedlicher Testaufgaben gemacht. Die Wissenschaftler konnten hierbei individuelle Unterschiede in Gehirnstruktur und –aktivität untersuchen und mit Kognitionen und Verhaltensweisen in Verbindung setzen, die häufig im Zusammenhang mit psychiatrischen Störungen stehen (Empfänglichkeit für Belohnung und Bestrafung, Risikoverhalten, Impulsivität, Neugierdeverhalten und emotionale Reaktivität).

Solche Analysen können Aufschluss darüber geben, wie die Struktur und Aktivität bestimmter Gehirnregionen diesen Verhaltensweisen und, wichtiger noch, psychiatrischen Störungen zu Grunde liegen..

Zielsetzung 5: Genetische Analysen der Gehirnaktivität und -struktur

Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Unterschiede in der Gehirnaktivität und –struktur auf interindividuelle genetische Unterschiede zurückzuführen sein könnten (SNPs und Epigenetik). Die Ergebnisse bildgebender Analysen sollen deshalb in Verbindung mit den entsprechenden genetischen Daten ausgewertet werden. Ein besonderer Schwerpunkt wird hierbei (im Gegensatz zu Ansätzen, die Kandidatengene untersuchen) auf genomweiten Analysen liegen. Die erhaltenen Ergebnisse sollen in anderen Studien mit Jugendlichen validiert werden, die ebenfalls MRT und fMRT Daten erheben.

Zielsetzung 6: Umwelteinflüsse auf Gehirnentwicklung im Jugendalter und auf psychologische Merkmale, die im Zusammenhang mit psychischen Störungen stehen.

Verhalten sowie Hirnstruktur und –aktivität sind nicht ausschließlich genetisch determiniert, sondern werden durch Umwelt und Erfahrungen beeinflusst. Die Teilnehmer der IMAGEN-Studie wurden deshalb in Bezug auf Erfahrungen im Elternhaus und in der Schule, Interaktionen mit Eltern, Freunden und der Peergroup und hinsichtlich ihres Substanzkonsums ausführlich untersucht.

Diese Datenmenge wird den IMAGEN-Wissenschaftlern dabei helfen verstehen zu lernen, wie Lebensereignisse die Gehirnentwicklung beeinflussen und wie Gene und Umwelt in der Entwicklung von Gehirn und Verhalten interagieren.